© Sabine Kemmler

Gehet hin im Frieden Gottes

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“


Manchmal liegt etwas in der Luft.
Mir begegnen gerade besonders viele Menschen, die zu weitreichenden Entscheidungen gezwungen sind – ob es um die dringende Wohnungssuche geht, einen Vertragsabschluss, eine Veränderung im Beruf, das Wohnen im Alter, um Liebe und Freundschaft oder um Fragen, die Anfang und Ende des Lebens betreffen.

Es gibt natürlich jede Menge Angelegenheiten, die jetzt „dran“ sind und keinen Aufschub dulden. Aber manchmal haben wir zu Recht ein mulmiges Gefühl dabei, in kurzer Zeit Dinge zu entscheiden, von denen wir eigentlich zu wenig wissen und deren Tragweite wir gar nicht überschauen können. In einer Zeit der „Selbstoptimierung“ sollen wir alles im Griff haben, für jeden Fall der Fälle vorsorgen, alles bis ins Kleinste bestimmen und verfügen. Gut, wenn wir dann kompetente Menschen in unserer Umgebung haben, die es gut mit uns meinen und doch nicht unser „Bestes“ haben wollen, die uns zu nichts drängen und uns doch zur rechten Zeit den richtigen Tipp geben, was zu tun ist. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ – das ist nicht nur im Fußball ein geflügeltes Wort geworden.

Hillel, einem Zeitgenossen Jesu, werden folgende Worte zugeschrieben (aus der Mischna, Sprüche der Väter): „Wenn nicht Ich für mich ist, wer ist für mich? Wenn ich für mich allein bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt – wann?“ Da stecken aramäische Wortspiele drin. „Ich“ erscheint in zwei Bedeutungen: Das „große Ich“ – „Ich bin der Herr, dein Gott“ – steht dem „kleinen Ich“ – uns Geschöpfen – gegenüber, begegnet uns im Antlitz des Nächsten. Ohne Gott als Gegenüber sind wir nichts.

Wenn immer mehr Lebensbereiche der Rentabilität, Ökonomisierung und Effektivität unterliegen müssen, wird eigentlich Sinnvolles schnell ins Unmensch- liche verkehrt und das spüren viele Menschen immer stärker. Und da wünsche ich Ihnen allen viel „Glaubenshoffnung“, Liebe und Mut. Das Sprichwort lässt sich auch so übersetzen: „Wenn nicht ich für mich bin, wer ist für mich? Wenn ich für mich allein bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt – wann?“

Ihre Pfarrerin Marlies Haist

 

 

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