Ausgang und Eingang, Anfang und Ende …

Janus, von dem der Januar seinen Namen hat, war der Gott des An- fangs und des Endes, der Beschützer der Ein- und Ausgänge. Er fun- giert als Mittler zwischen Menschen und Göttern und ist das Bindeglied zwischen dem was war und dem was kommt. Darum wird Janus auch mit zwei Gesichtern dargestellt, die in entge- gengesetzte Richtungen schauen: rückblickend in die Vergangenheit und vorausschauend in das kommende Jahr. Spannend finde ich, dass Janus niemals die Gegenwart vor Augen hat. Offenbar ist sie unerheblich, um die Zukunft gestalten zu können. Und es ist ja wahr: dass, was wir als Gegenwart bezeichnen, ist be- reits Vergangenheit in dem Moment, da sie geschieht. Eigentlich gibt es Gegenwart gar nicht. Solche vollmundigen Parolen wie: „ich lebe im Hier und Jetzt“ sind so gesehen Selbstbetrug. Darum sagte der amerikanische Philosoph George Santayana ganz zu Recht: „wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verdammt, sie zu wiederholen.“ Rückblick zu halten ist darum eine Form der Selbstvergewisserung, die umso effektiver sein wird, je eher wir in der Lage sind, uns einiger- maßen objektiv und distanziert zu sehen. Aber das ist die andere Hürde: wir wissen ja gar nicht, wer wir sind, denn unsere Erinnerungen trügen uns. Es ist eine Meisterleistung unseres Gehirns, Ereignisse so in unserem Gedächtnis zu archivieren, dass wir mit ihnen leben können, und unser Gesicht gewahrt bleibt. Die Wahrheit über uns werden wir in dieser Welt nicht erfahren, son- dern nur einen Teil der Aspekte, die uns als Person ausmachen. „Jetzt erkenne ich stückweise“ heißt es im Korintherbrief,“ dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1.Kor. 13,12) Da hatten es die Römer leichter: sie opferten ihrem Gott Janus und waren bereit, seinen Orakelspruch als Wegweisung für ihr Leben an- zuerkennen. Uns geht es wohl eher so, wie es Heinz Rühmann in der Feuerzangenbowle so treffend resümiert: „Wahr sind nur die Erinne- rungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“

Mögen Ihre vornehmsten Träume im Neuen Jahr in Erfüllung gehen.

Ihre Gisela Pullwitt